UngleicheSchuh  27. Januar-Holocaust Gedenktag
…. im Gespräch mit der Zeitzeugin Sara Atzmon, von G.Wedel

Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages führte die Journalistin G. Wedel ein Interview mit Sara Atzmon. Die heute 87jährige Sara Atzmon kam 1944 mit ihrer Familie als ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterin nach Strasshof. Sie gehört zu den 170.000 Holcaust-Überlebenden, die heute noch in Israel leben. Viele von ihnen leben in Altersarmut und leiden unter körperlichen oder seelischen Spätfolgen. Sara Atzmon musste sich in ihrem Leben immer wieder Therapien unterziehen. Als weltweit anerkannte Malerin verarbeitete sie ihr Leiden, um die Erinnerung auch für kommende Generationen wachzuhalten.

Sara Atzmon, Holocaust Überlebende von Bergen Belsen, berühmte israelische Künstlerin und Trägerin des deutschen Bundesverdienstkreuzes

Sara Atzmon, 1933 in Ungarn geboren, lebte mit ihrer Familie in Debrecen. 1944 sollten die ungarischen
Juden in kurzer Zeit vernichtet werden. Auch Sara Atzmon´s Familie. In einem Waggon stand sie vor Ausschwitz, Ausschwitz war übergebucht. Sie überlebte das Durchgangslager Strasshof und das KZ Bergen Belsen. Im April 1945 befreite die amerikanische Armee Sara Atzmon, bei Farsleben (Nähe Magdeburg). Da wog sie noch 17kg.Heute lebt sie mit ihrem Mann Uri und ihren sechs Kindern, Enkeln und Urenkeln in der Nähe von Tel Aviv. Beide durften eine eigene große Familie gründen.
Denn ca. 60 ihrer Familienangehörigen haben den Holocaust nicht überlebt u.a. der Vater, die Großmutter, Brüder, Neffen….

Am Holocaust Gedenktag in Deutschland?

Noch bis letztes Jahr, kurz vor dem ersten Lockdown war dies möglich. Auf Einladungen hin besuchte Sara Atzmon mit ihrem Mann immer wieder Deutschland um an Feierlichkeiten des Holocaust- Gedenktages teilzunehmen.

Aber nicht nur zu den Feierlichkeiten bereisten sie Deutschland. Nein, ihre Herzenssache war es der jungen Generation von ihren Erlebnissen zu berichten, und das seit über 30 Jahren. Schüler hörten ihr aufmerksam zu, wenn Sara anfing zu erzählen. Manchmal versuchte sie in Projektgruppen Schülern das Erlebte, im Modellbau, näherzubringen. Auch Vorträge und Podiumsdiskussionen standen mit auf ihrem Programm, unermüdlich im Kampf „Gegen das Vergessen“. Sara´s ständiger Begleiter und Unterstützer war und ist ihr Mann Uri. Ein „Sábre“ so sagt man in Israel, ein in Israel geborener Jude. Sein Vater Walter Bein (später geändert in Atzmon) kam aus Oberhausen und wanderte 1924 nach Israel ein.


Sara Atzmon´s Erlebnisse - eine Botschaft für die nachfolgende Generation?

1944 waren bereits viele europäische Juden vernichtet. Um die ungarischen Juden innerhalb weniger Wochen zu vernichten, verlegte man Bahnschienen ganz nah bis zu den Gaskammern. Das sollte Zeit sparen. Somit konnten große Deportationen stattfinden, an manchen Tagen etwa 6-8 Züge. Das bedeutete etwa 20.000 Menschen täglich oder mehr.  Um eine halbe Million ungarische Juden wurden deportiert und ermordet. Darunter 60 Familienmitglieder von Sara Atzmon.

 

Deportation von Ungarn nach Polen

Liebe Sara, wie seid ihr von Ungarn abtransportiert worden? Kannst Du Euren Waggon beschreiben in dem ihr von Ungarn deportiert wurdet? Wie viele Menschen waren im Waggon und wie waren die hygienischen Bedingungen – oder besser gesagt gab es die überhaupt?

In einem kleinen Viehwaggon, gebaut für 6 Pferde, wurden wir eingezwängt mit 96 Personen. 10 Tage unterwegs ohne Öffnung des Waggons und das im Juni/Juli, es war sehr heiß. Die normale Entfernung von Ungarn nach Polen ist etwa 24 Stunden. Unser Zug wurde aber abseits geleitet und stand dort, an der Grenze zu Polen und Tschechien. In dem Waggon gab es einen Eimer für 96 Personen - das war unsere Toilette. Auf dem Transport war der Eimer immer wieder übergeschwappt, den Gestank kann man nicht beschreiben. Einen anderen Eimer gab es zum Trinken, den wir aber schnell ausgetrunken hatten. Als Essen hatte meine Mutter etwas Gänsefett. Dazwischen lagen viele Tote, die diesen Transport nicht überlebten.

Ausschwitz übergebucht!

Unser Zug war nicht in der richtigen Liste eingetragen – Ausschwitz war übergebucht. Adolf Eichmann wurde gefragt wie man mit uns handeln sollte. Er gab die Anweisung, wenn kein Platz in Ausschwitz ist sollten wir zum Arbeiten nach Österreich geleitet werden!

Transport der ungarischen Juden ins Durchgangslager Strasshof

Osteuropäische und ungarische Juden wurden in Strasshof als Arbeitskräfte verteilt: in Arbeitslager, Landwirtschaft und Rüstungsindustrie.

Sara, 60 Deiner Familienmitglieder sind bei diesen Deportationen aus Ungarn ermordet worden. Warst Du alleine in Strasshof oder waren noch Familienangehörige mit Dir, die noch lebten?

Ja, es waren noch Familienmitglieder mit mir, wir konnten zusammenbleiben.

Nach 10 Tagen im Waggon sind wir im Durchgangslager Strasshof angekommen. Dort sollten wir drei Tage nackt verbringen. Einige Frauen waren schwanger, einige haben da gestanden mit Blut an den Beinen und auf den Füssen. Unsere Haare wurden geschnitten, SS Soldaten gingen zwischen uns umher. Danach gab es eine Selektion. Familien mit kleinen Kindern und alte Menschen, denen gab man einen Stempel XX auf ihre Hände und schickte sie nach Ausschwitz, zurück zur Vernichtung. Kinder im Alter von 9 oder 10 Jahren und Familie, die konnten arbeiten. Die Kinder waren Arbeitskräfte.

Wir bekamen einen Stempel G.D. und man schickte uns zum Arbeiten in die Nähe von Gmünd nach Heidenreichstein. Ich arbeitete in der Landwirtschaft, meine Geschwister in einer Zementfabrik. Der Bruder des Bauern war ein hoher SS Offizier und Bekannter von Adolf Eichmann. Einmal kam der Lagerführer mit einem SS Offizier, der zeigte auf meine Mutter. Er meinte sie wolle nicht arbeiten, dabei arbeitete sie schwer. An dem Tag mistete sie den Kuhstall aus. Mit 27 Personen lebten wir in einem kleinen Pferdestall. Jeden Tag flogen hunderte von amerikanischen Bombern über uns, um Wien und anliegende Städte zu bombardieren. Für uns war es eher Hoffnung.

Eines Tages wurde ich vom Feld gerufen meinem Vater ging es schlecht. Ich kam gerade rechtzeitig um ihn ein letztes Mal zu sehen, bevor er starb. Damals war ich 11 Jahre alt. An diesem Tag habe ich ununterbrochen geweint, das letzte Mal für Jahrzehnte.

Was ist mit Deinem Vater geschehen und habt ihr Gefühle oder ein Mitempfinden von Deutschen erlebt, beim Tod Deines und Eures Vaters?

Ja, meine Mutter hat zu einem SS Offizier gesagt, dass man in der Jüdischen Tradition 10 jüdische Männer für das Kaddisch Gebet benötigt. Dieser SS Offizier brachte uns 10 jüdische Männer aus anderen Arbeitslagern. Dazu hat uns der Bauer den Wagen, aber nicht die Ochsen gegeben. Den Wagen haben wir dann selbst zum Friedhof geschoben.

Am Grab unseres Vaters Israel Gottdiener sagte meine Mutter: „Wir werden seine Knochen wiederholen und auf einem jüdischen Friedhof begraben“. So geschah es 20 Jahre später.

Nachher kam ich nochmal in ein andres Arbeitslager in eine Fabrik für Fallschirme. Ich arbeitete an einer Maschine, war aber zu klein. Daraufhin wurde ich auf eine Kiste gestellt und musste so stehend an der Maschine arbeiten.

Was ist dann geschehen?

Anfang November 1944, wir sind wieder im Durchgangslager Strasshof. Strasshof war ein Zentrallager, neben der Bahn. Von dort wurden die Flüchtlinge in unterschiedliche KZ´s aufgeteilt. Es ist Winter und sehr kalt. Wir verbringen wieder drei Tage nackt. Meine Kleidung bekomme ich nicht wieder. Schuhe erhalte ich zwei ungleiche. Einen roten Kinderschuh und einen schwarzen Frauenschuh, mit hohem Absatz. Mit diesen zwei ungleichen Schuhen laufe ich später 7 km vom Bahnhof ins KZ Bergen Belsen. Bis zur Befreiung, im April 1945, musste ich damit zurechtkommen.

Die ungleichen Schuhe

Die im Foto zu sehenden ungleichen Schuhe spielen im späteren Leben von Sara Atzmon eine zentrale Rolle. Nicht nur, dass sie durch das Tragen der ungleichen Schuhe, der Kälte, Hunger und Typhus, körperliche Spätfolgen erlitt. Bei ihren Vorträgen in Deutschland zeigte sie Schülern immer wieder ein Musterpaar zur Darstellung. In Israel organisierte eine Lehrerin mit Sara über die Schuhe eine Choreographie: „Der Schuhentanz“.

Mit ungleichen Schuhen ins KZ Bergen Belsen

Leichen über Leichen. Menschen starben an Seuchen, Hunger, Kälte, Krankheiten. Die Lebenden waren nur noch Skelette, von denen Tausende auch nach der Befreiung starben. Unglaubliche Bilder boten sich den Engländern bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen Belsen am 15. April 1945.

Sara, wann seid ihr nach Bergen Belsen transportiert worden und unter welchen Verhältnissen habt ihr dort gelebt?

Am 2. Dezember 1944 wurden wir nach Bergen Belsen transportiert. Alle geschwächt, mussten wir 7 km zu Fuß vom Bahnhof ins KZ Bergen Belsen marschieren. Wir kamen in die Baracken für die ungarischen Juden. Eingezäunt lebten wir mit 400-500 Personen zusammen. Auf der anderen Seite waren die holländischen Juden, darunter war auch Anne Frank, zur gleichen Zeit.

Jeden Tag haben wir 2 – 5 Stunden in der Kälte Appell stehen müssen. Es wurde gezählt, jede Person, es waren Tausende. Beim Verzählen gab es eine Neuzählung. Meine Füße waren verfroren, ich dachte meine Finger werde ich verlieren.

Einmal pro Woche bekamen wir für 11 Personen ein Laib Brot aus Sägemehl. Mein Bruder schnitt uns jeden Tag eine Scheibe ab. In der Suppe war manchmal ein Stück Fleisch. Später habe ich erfahren es war Menschenfleisch. Vor Hunger wurde gestohlen, auch die Ratten haben uns das Brot gestohlen. Unter uns war Typhus. Ein halbes Jahr konnten wir uns nicht waschen, wir waren in Lumpen und völlig verlaust. Als unsere Mutter uns einmal waschen wollte, waren die Rohre zugefroren. Leere Dosen benutzten wir als Toiletten und entleerten diese im Schnee.

Die Menschen sind wie die Fliegen gestorben, sie waren nackt und Skelette.

Wir haben gewettet, wer wird morgen sterben, wer übermorgen? Die jungen Männer haben von den Leichen Fleischstücke abgeschnitten und gegessen.

Es ist nicht vorstellbar, was da war: die vielen Leichen, Menschen nur noch als Skelette. Der Geruch und Hunger, Kälte, Angst und Krankheiten.

Sie haben versucht die Leichen zu verbrennen. Es waren zu viele Leichen, das Krematorium hat es nicht geschafft. So hat man zusätzlich, außerhalb des Krematoriums, die Leute verbrannt. Zum Brennen wurde eine Reihe Holz gelegt und darauf eine Reihe Leichen, der Geruch war unvorstellbar – verbranntes Menschenfleisch.

Nach der Befreiung Bergen Belsen versuchte man mit Bulldozern die Tausende von Leichen zu begraben. Die Engländer haben das Lager später verbrannt, wegen Seuchengefahr.

Sara, Du warst bei der Befreiung nicht im KZ Bergen Belsen, wo warst Du und Deine Familie, wie wurdet ihr befreit?

Am 6. April 1945 mussten wir wieder zum Bahnhof marschieren. Wir sahen schon wie Skelette aus. Kurz vor der Befreiung gab es drei Züge die an die Kriegsfront transportiert werden sollten. In einem war ich mit meiner Familie. Über uns flogen amerikanische Bomber und bombardierten uns. Sie wussten nicht wer in den Zügen war.Am 6. April 1945 mussten wir wieder zum Bahnhof marschieren. Wir sahen schon wie Skelette aus. Kurz vor der Befreiung gab es drei Züge die an die Kriegsfront transportiert werden sollten. In einem war ich mit meiner Familie. Über uns flogen amerikanische Bomber und bombardierten uns. Sie wussten nicht wer in den Zügen war.

 ModellUnser Zug fuhr in den 6 Tagen hin und her, nur 100 km, bis er bei Farsleben anhielt.

Es gab heftige Gefechte zwischen den Deutschen und Amerikanern. Die Deutschen flüchteten und ließen den Zug stehen.

Ein SS Offizier sagte noch, dass der letzte Waggon voll mit Sprengstoff sei. Anscheinend war geplant unseren Zug in die Luft zu sprengen. Wir versuchten diesen wegzuschieben.

(Modelldarstellung d. Waggons von Sara Atzmon. In Amerika als Foto ausgestellt, in einem Museum, von dem Regiment der Befreier)

Am nächsten Morgen kamen zwei amerikanische Panzer und haben uns befreit.

Die amerikanischen Soldaten waren schockiert in welchem Zustand sie uns vorfanden. Sie gaben uns zu essen, unsere Mägen konnten das nicht aufnehmen. Durch den Hunger und Typhus waren viele krank, wurden noch kränker und starben. Die Amerikaner errichteten sofort ein Lazarett und gaben uns Medikamente, dadurch retteten sie Leben.

Sara, heute lebst Du in Israel, beim Aufbau des Landes hast Du mitgeholfen und eine eigene große Familie gegründet. Kannst Du den Weg nach der Befreiung schildern?

Die Amerikaner schlugen uns vor, nach Amerika, Ungarn oder ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina, einzuwandern. Meine Familie entschied sich für Palästina. Drei Monate später sind wir über Neapel, mit einem Flüchtlingsschiff, eingereist.

Malen als Therapie?

Sara hat im Alter von 50 Jahren angefangen zu malen. Zuerst Blumen und Vasen, dann Bilder über ihre Erlebnisse
- meterhohe Kunstwerke.

GemaeldeSehr schnell folgten Ausstellungen: in Yad Vashem, dem Parlament, in Deutschland und weltweit. Bis heute über 300 Kunstausstellungen ihrer Gemälde. Einige stehen noch in Bergen Belsen.

Sara, kannst Du für Dich sagen, dass Dir das Malen und die Kunst geholfen haben beim Verarbeiten Deiner Erlebnisse? Es ist kein Hass in Dir.

Ja, das Malen war Therapie und unsere Mutter hat uns gelehrt nicht zu hassen und das Herz freizuhalten.

Sara und Uri zum Schluss die Frage. Welche Botschaft gebt ihr an die nachfolgende Generation weiter?

Wir sollten uns miteinander respektieren und täglich achtgeben, wenn Unrecht geschieht nicht wegsehen.

Vielen Dank, liebe Sara und Uri, für dieses offene Gespräch und sehr persönliche teilhaben lassen. Herzlich Shalom

 

Das Interview wurde geführt von G.Wedel - Freie Journalistin Hamburg-Germany,  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!   

© Alle Rechte und Fotos sind vorbehalten, 2021 Es wird dem Verein Arbeitsgruppe Strasshof VAS gestattet das geführte Interview, mit der ungarischen Jüdin Sara Atzmon, auf folgender Homepage zu veröffentlichen: www.vas-strasshof,at
Für weitere Verwendungszwecke bedarf es einer Absprache u. Genehmigung.


 


 

Kategorie: Texte

Zum Novembergedenken 2018


Seit letztem Jahr versucht die evangelische Kirche von Strasshof mit dem „Fest der Menschen“ bei unserem Erinnerungsmal eine neue Tradition zu stiften. Gemeinsam wollen die abrahamitischen Glaubensgemeinschaften ihre Verbundenheit demonstrieren. Die Abgründe von Intoleranz und Verachtung sollen zugeschüttet werden. Die jüdische Glaubensgemeinschaft fehlt dabei. Sie wurde im Bezirk Gänserndorf vor 80 Jahren ausgelöscht. Die Vertreibung ihrer Angehörigen war zur Reichspogromnacht im November 1938 schon so weit fortgeschritten, dass nur mehr das Warenlager des bereits von seinem Besitzer Bernhard Fleischer verlassenen Gemischtwarenhandels in Gänserndorf geplündert wurde. Die ehemalige Synagoge war bereits im September der Polizei übergeben worden und von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Beschlag genommen worden.


Im Sommer dieses Jahres startete eine Kontroverse, ob es sich bei dem Gebäude der ehemaligen Synagoge um einen erhaltenswerten Erinnerungsort handelt. Der Bürgermeister von Gänserndorf ist nicht dieser Ansicht. Das Denkmalamt hat noch keine Entscheidung getroffen. Abseits dieser Frage sollte das Novembergedenken 2018 Anlass sein, der beiden Repräsentanten der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Gänserndorf zu erinnern.


Der erste Rabbiner von Gänserndorf war Moses Rosenmann. Er stammte aus Zurawno bei Lemberg in Galizien (heute Schurawno in der Ukraine), wo er am 21. Oktober 1867 geboren wurde. Er besuchte das Gymnasium in Radautz (heute Rădăuți in Rumänien), einem Zentrum des Judentums in der Bukowina. Sein Studium setzte er in Berlin im Rabbinerseminar von Esriel Hildesheimer einem der Begründer des modernen orthodoxen Judentums fort. Im Jahr 1897 wurde Rosenmann zum Rabbiner der neu errichteten Floridsdorfer Synagoge berufen. In den folgenden Jahren übernahm er die Betreuung zahlreicher kleiner Landgemeinden im östlichen Umland von Wien. Unter ihnen war auch die Gänserndorfer Kultusgemeinde, deren Rabbiner er nach deren Gründung 1908 wurde.


Als anerkannter Gelehrter verfasste er zahlreiche Bücher. Biographische Abhandlungen zu bedeutenden Repräsentanten des Wiener Judentums und eine Studie zur Geschichte der Synagoge als Glaubenszentrum waren darunter.

 

Als Organisator half er bei der Errichtung zahlreicher jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen. Er gründete die „Waja“ einer Gemeinschaftsküche für jüdische Angestellte in Wien, die täglich rund 1800 Personen verköstigte. Er unterstütze die Errichtung eines jüdischen Ferienheims in Bad Vöslau. Dort erinnerten sich die Nationalsozialisten an seine Familie noch 1942 in einem Zeitungsartikel: „Die feistliche Mahlzeit der Parasiten“.


Rosenmann erkannte die Zeichen der Zeit. Um 1900 forderte die Gründung einer jüdisch-patriotischen Partei ein, die sich um die Belange der jüdischen Bevölkerung kümmern sollte. Während des Ständestaates suchte er Verbündete gegen den auch von katholischer Seite immer mächtiger werdenden Antisemitismus. Er erhob seine Stimme in der Zeitschrift der katholischen Publizisten Irene Harand. Sie hatte 1933 als Reaktion auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten die „Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“ gegründet deren Organ die Zeitschrift „Gerechtigkeit“ wurde. Dort rief Rosenmann weitsichtig den Genozid am armenischen Volk während des 1. Weltkriegs in Erinnerung und sah die selben Tendenzen in der antisemitischen Hetze des christlich-sozialen Politikers Leopold Kuntschak. Rosenmann rief eindringlich zum Frieden zwischen den Religionen auf.
Seine mahnende Stimme sollte nicht gehört werden.

 

Nach dem Anschluss wurde er aus Österreich vertrieben. Es gelang ihm ins Mandatsgebiet Palästina zu entkommen. Dort angekommen gründete er 1939 eine Andachtsstelle, die er den „Wiener Minjan“ nannte. Es sollte die Erinnerung an die verlorne Welt des österreichischen Judentums wachhalten. Nach dem Kriegsende 1945 warb Rosenmann in der Zeitschrift „Der neue Weg“ für das im Entstehen begriffene Israel. Rosenmann starb am Tag der israelischen Unabhängigkeitserklärung dem 14. Mai 1948 bei einem Bombenangriff der ägyptischen Luftwaffe auf Tel Aviv.


Nachdem Rosenmann 1935 in den Ruhestand getreten war, hatte Jakob Chaim Klein seine Nachfolge als Rabbiner in Gänserndorf angetreten. Er war am 18. Dezember 1875 in Büd Szent Mihály (Tiszavasvári) in Ungarn geboren worden. Über den größten Teil seiner Lebensgeschichte hat sich das Dunkel des Vergessens gelegt. Möglicherweise war er als ausgebildeter Kantor bereits vor 1918 in Neulengbach tätig. 1932 zog er in das hinter der Synagoge gelegene Rabbinerhaus in Gänserndorf ein und arbeitete bis 1935 als Kantor der jüdischen Gemeinde. Im Jahr 1935 trat er die Nachfolge von Rosenmann als Rabbiner an. Im September 1938 verlor er, als die jüdische Kultusgemeinde in Gänserndorf aufgelöst wurde, seine Anstellung wie sein Heim. Er bemühte sich gemeinsam mit seiner Frau Betti eine Möglichkeit zu finden in die USA oder nach Großbritannien zu fliehen. Die restriktive Flüchtlingspolitik beinahe sämtlicher Staaten der Welt nach dem Scheitern der Konferenz von Évian verhindert dies. Als eine letzte Möglichkeit für eine legale Einreise verblieb die europäische Kolonie von Shanghai. Er trat die beschwerliche, lange und teure Reise im Sommer 1939 an. Hinter ihm schloss sich mit Kriegsausbruch diese Fluchtrute und seine Frau blieb in Wien zurück.

 

Im chinesischen Exil erfuhr er 1942, dass seine Frau noch Polen deportiert worden war. Bereits am 12. März 1941 war die damals 67jährige Frau Betti aus einem der Sammellager in der Castellezgasse 35 und der Kleinen Sperlgasse 2a über den Apsernbahnhof nach den Ghettos Łagów/Opatów im besetzten Polen deportiert worden.  Im Frühsommer 1942 wurde die Mehrzahl der rund 5000 Ghettobewohner in den Gaskammern des Vernichtungslager Treblinka ermordet oder vor Ort erschossen. Von den 997 österreichischen Juden und Jüdinnen, die nach Opatów bzw. Lagów verschleppt wurden, konnten nur elf Überlebende festgestellt werden. Betti Klein war nicht darunter.

 

Ihr Ehemann Jakob optierte nach Kriegsende für die Rückkehr nach Österreich. Sie wurde ihm nicht einfach gemacht. Die Stadt Wien stand auf dem Standpunkt, dass niemand um die Rückkehr der Exilanten aus Shanghai gebeten hatte und sah sich außer Standes für deren Unterbringung zu sorgen. Zudem sollte der Rechtsanspruch auf Rückkehr der rund 4000 Flüchtlinge in jedem Einzelfall geprüft und so ein jahrelanges Verfahren eröffnet werden. Erst mit Unterstützung der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen konnten zwei Schiffe gechartert und die Wiener Regierung unter Druck gesetzt werden eine Rückkehr zu ermöglichen. Jakob Klein trat im Jänner 1947 seine Reise nach Österreich an. Die Zeit im Exil war seiner Gesundheit nicht zuträglich gewesen. Er verstarb am 22. September des selben Jahres im Altersheim der israelitischen Kultusgemeinde in Wien.

 

Quellen:
Adunka, Evelyn (2002): Exil in der Heimat. Über die Österreicher in Israel (Österreich-Israel-Studien).
Höfler, Ida Olga (2015): Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen 1848 - 1938/45. Der politische Bezirk Gänserndorf. 5 Bände. Strasshof: Pilum Literatur-Verl.
Lind, Christoph (2004): Der letzte Jude hat den Tempel verlassen. Juden in Niederösterreich 1938 bis 1945. Wien: Mandelbaum-Verl (Geschichte der Juden in Niederösterreich von den Anfängen bis 1945, 4).
Sophie Fetthauer: Chaim Jakob Klein, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2017 (https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00006949).
DÖW - Erinnern - Fotos und Dokumente - 1938 - 1945 - Nachrichten aus dem Ghetto - Opatów / Lagów. Online verfügbar unter http://www.doew.at/erinnern/fotos-und-dokumente/1938-1945/nachrichten-aus-dem-ghetto/opatow-lagow

Rosenmann, Moses (1936): Der neue Scheiterhaufen. In: Gerechtigkeit, 26.03.1936, S. 4. Online verfügbar unter http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gtk&datum=19360326&query=%22rabbiner+rosenmann%22~10&ref=anno-search&seite=4
Rosenmann, Moses (1936): Friede mit euch! In: Gerechtigkeit, 16.07.1936, S. 3. Online verfügbar unter http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gtk&datum=19360716&query=%22rabbiner+rosenmann%22~10&ref=anno-search&seite=3

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Das Durchgangslager Strasshof befand sich nicht - wie oft angenommen - direkt neben dem 2011 errichteten Erinnerungsmal (siehe Wegbeschreibung) sondern ca. 200 Meter weiter westlich, wo sich die Helmahofstraße nach Norden wendet.

Durch die Vernichtung eines Großteils der Unterlagen ist zur Baugeschichte des Durchgangslagers nur wenig bekannt. Zur Struktur und Funktionsweise des Lagers sind durch den 1944 erschienen Aufsatzes von Franz Puntigam, (Die Durchgangslager der Arbeitseinsatzverwaltung als Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge, erschienen in der Zeitschrift „Der Gesundheits-Ingenieur“) mehr Informationen vorhanden. Download des Artikels hier.

 

dulag5 wjPlanungsskizze aus der Zeitschrift "Der Gesundheits-Ingenieur"

 

 So schrieb Puntigam über die Suche nach dem richtigen Standort:

„Die wichtigste und schwerwiegendste Entscheidung bei Neuerrichtung eines DL ist die Wahl des Platzes. Sie wird durch das Gutachten des Wasserwirtschaftsamtes und der Reichsbahn ausschlaggebend beeinflußt. Um späteren Schwierigkeiten ans dem Wege zu gehen, muß die Frage der Wasserversorgung und der Abfallstoffbeseitigung vor Baubeginn restlos geklärt sein. Jedenfalls soll das Bauvorhaben in dieser Hinsicht durch das zuständige Reichswasserwirtschaftsamt überprüft werden, oder wenn möglich, von diesem für den wasserbaulichen Teil der Planung und Bauleitung, wie dies beim Bau des DL Straßhof/ND der Fall war, übernommen werden.
Ebenso ist die Möglichkeit eines Gleisanschlusses in das Lager oder wenigstens in dessen nächste Nähe dringend erforderlich. ... Im allgemeinen soll man nicht zu weit von einer Stadt oder größeren Ortschaft entfernt ein Lager errichten, da die Zufuhr von Lebensmitteln, Heizstoffen u.ä. unnötig erschwert wird, auch leidet die Überwachung des Lagerbetriebes durch die vorgesetzte Dienststelle. … Erwünscht ist ein leicht geneigtes Gelände (Ableitung des Abwassers) in unverbautem Gebiet nahe dem Bahnhof und einer Straße.“  (S.54)


In Strasshof wurde dazu der Platz westlich des damaligen Geländes der Baufirma Universale gewählt. Das heute noch existierende Anschlussgleis der Universale diente als Ausstiegsort. Die heutige Helmahofstraße war nach der Kurve Richtung Norden die mittlere Lagerstraße, die auch auf den Luftbildern gut sichtbar ist. Dort wo sich heute die Zufahrt der Firma Gänger befindet, war ungefähr des Lagertor für die ankommenden Deportierten gelegen.

Der östliche Teil des Lagers ist heute überbaut. Auf dem Teil des Eingangsbereichs befinden sich die Betriebsgelände der Firmen Gänger und Steiner. Dahinter erstreckt sich ein kurzes Waldgebiet, auf dem sich früher die Krankenbaracken befunden haben. In nördliche Richtung dehnte sich das Lager bis zum Ende der Helmahofstraße aus, die dort als Feldweg einen Kurve Richtung Westen macht. Das südlich gelegene heute landwirtschaftlich genutzte Feld gehörte ebenso dazu wie die zwischen dem Feld und dem Bahndamm gelegene Wiese.


Bauliche Spuren sind nur mehr wenige erhalten. Die beiden nördlich gelegenen Luftschutzanlagen wurden um die Jahrtausendwende beseitigt. Der noch gut erhaltene Treppenabgang zu der Luftschutzanlage für das Verwaltungspersonal wurde 2011 nach dem steigenden öffentlichen Interesse an unserer Arbeit zugeschüttet. Daneben befinden sich noch einige Betonreste im Gelände verteilt.

026 25Treppenabgang zur Lufttschutzanlage für das Lagerpersonal, 2003

Nicht zu verwechseln ist das Lager mit dem noch heute existierenden Gelände der ehemalige Universale Bau. Die Geschichte dieses Grundstücks reicht bis ins Jahr 1916 zurück, als die Firma Redlich und Berger ihre Reparaturwerkstätten und Materiallager nach Strasshof verlegte. (siehe Josef Neidhart (1989), Strasshofer Heimatbuch, S. 110.) Im Jahr 1932 ging diese Firma in den Besitz der Universale Bau AG über. Die heute noch mit Stacheldraht gekrönte Mauer, die sich direkt gegenüber dem Erinnerungsmal befindet, wurde vermutlich in den 30er oder 40er Jahren errichtet.  Die Universale Bau selbst war an zahlreichen Projekten der NS-Zwangsarbeit beteiligt. Das Strasshofer Gelände diente unter anderem als Bauhof für den Ausbau des Flugplatzes Deutsch-Wagram während des Krieges. Mit dem Durchgangslager an sich hat die Mauer des Geländes aber nichts zu tun.

IMG 4457Tor des Anschlussgleises der Universale Bau AG

Zum Abschluss soll noch diese Überblendung der alten Luftaufnahme mit der zeitgenössischen Karte die Lage des Durchgangslagers verdeutlichen.

fotomontage.jpg

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markbreiter

 

Dieses Foto ist möglicherweise die letzte Spur, die ein damals 9jähriges jüdisches Mädchen aus Strasshof hinterlassen hat. Erna Markbreiter wurde am 25. Oktober 1932 in Wien geboren. Ihre Großeltern Wilhelm und Maria Markbreiter besaßen seit 1928 ein Haus in der Silberwaldstraße, in dem Erna gemeinsam mit ihren Eltern Ignaz und Frieda ihre Kindheit verbrachte. Ihre Großmutter betrieb in dem Haus einen Gemischtwarenhandel.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich wurden das Geschäft und das Gebäude enteignet. Erna musste mit ihrer Familie Strasshof verlassen und in eine sogenannte „Sammelwohnung“ in die Hollandstraße 12/13a nach Wien übersiedeln. Ihre Mutter Frieda starb am 2. April 1938 im Alter von 25 Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt Steinhof. Als Todesursache wird eine Lungenentzündung angegeben. Ihr Vater Ignaz versuchte im November 1939 mit einem Flüchtlingstransport über den Balkan nach Israel zu entkommen. Die Flüchtlinge strandeten, nachdem ihnen die Einreise nach Rumänien verwehrt wurde, im jugoslawischen Kladovo, wo sie nach dem Beginn des Balkanfeldzugs wieder unter deutsche Herrschaft fielen. Am 13. Oktober 1941 wurden sämtliche Männer des Flüchtlingstransports von der Wehrmacht erschossen.

Ob Erna am Beginn dieser Flucht noch bei ihrem Vater oder bei ihren Großeltern geblieben war, ist nicht bekannt. Wilhelm und Maria Markbreiter wurden am 10. Oktober 1941 von Wien aus ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Damit verliert sich ihre Spur. Erna gelang es der Deportation zu entgehen. Mit fremder Hilfe dürfte es ihr gelungen sein das Land zu verlassen, denn im selben Jahr taucht ihr Name im Verzeichnis des Waisenhauses im Château le Masgelier, ca. 300km südlich von Paris auf, wo das oben gezeigte Foto aufgenommen wurde. Das Schloss befand sich im noch unbesetzten Teil von Frankreich und wurde von dem OSE (Œuvre de secours aux enfants) einer Organisation zur Unterstützung jüdischer Kinder geführt. Ab 1942 wurde die Lage prekär. Die französische Regierung kollaborierte und in einer ersten Phase sollten vor allem jüdische Flüchtlinge ausgeliefert werden. Mithilfe von republikanisch gesinnten Franzosen konnten die Kinder bei Familien in der Region versteckt werden. Der Résistance gelang es einige der Kinder in die Schweiz zu schmuggeln. Andere wurden jedoch bei Razzien der französischen Gendarmerie aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Die überlebenden Kinder brachte man nach der Befreiung Frankreichs nach Israel. Ob Erna Markbreiter überlebte, ist nicht bekannt.

Das Haus in der Silberwaldstraße fiel 1951, nachdem keine Erben ermittelt werden konnten, der Republik Österreich zu.

Wenn heute wieder aus Anlass des Holocaust-Gedenktages der Millionen ermordeten jüdischen Männer, Frauen und Kinder gedacht wird, sollte man nicht vergessen, wo der Weg zum Massenmord begonnen hat: gleich nebenan.

Mit Dank an Frau Ida Olga Höfler ohne deren Werk „Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen 1848-1938/45“ es nicht möglich gewesen wäre, diese Geschichte zu schreiben.

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Foto KlatschmohnGedanken einer Teilnehmerin der Gedenkfahrt aus Ungarn im Jahr 2014:

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Aktuell

2021

Leider hatte unsere Gedenkfeier 2020 wegen der aktuellen Situation zu entfallen. Wir hoffen, dass es im September 2021 möglich sein wird in angemessener Form der Opfer des Durchgangslagers Strasshof zu gedenken.

Sofern es die akutelle Situation erlaubt, planen wir ab April auch wieder Führungen zum Thema Zwangsarbeit in Strasshof anbieten zu kouml;nnen.

 

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